Vor knapp zwei Wochen nahm sich der Fußballtorwart Robert Enke per Suizid das Leben. Wie erst im Nachhinein bekannt wurde, litt er bereits seit knapp drei Jahren an Depressionen. Denn im Oktober 2006 verstarb seine damals zweijährige Tochter. Offensichtlich konnte er dem Druck nicht länger standhalten und nahm sich an einem Bahnübergang das Leben. Der Schock traf das ganze(!?) Volk mit voller Härte. Auch die TV-Stationen waren geradezu überrumpelt worden von Robert Enkes Todesnachricht. Wenn man zu solch einem Ereignis etwas Negatives sagt, kann man sich eigentlich ziemlich sicher sein, dass man dafür keine Lorbeeren kassiert. Ich mache es trotzdem, denn der mediale Rummel spottete jeder Pietät.
Kaum war der Freitod von Robert Enke verkündet, schon waren die ersten Psychologen am Start und analysierten die Lage. Viel zu viel Stress, der Tot der kleinen Tochter, der Druck als Nationaltorwart, und so weiter. Das kann, das muss zu Depressionen führen. Und kaum einen Tag später, war plötzlich jeder Zehnte in Deutschland von Depressionen betroffen. Die Verlage sind eben pfiffig, wenn es um Recherchen zu knallharten Fakten geht. Ein Volk im Depressionswahn. Jeder konnte bzw. kann mitfühlen, wie sich Robert Enke gefühlt haben muss. Zeitweise wurde der Torwart nur noch als medialer Aufhänger benutzt, um über weitere Grausamkeiten zum Gesundheitszustand der deutschen Nation zu berichten. Wer bis dahin von Depressionen befreit war, muss spätestens dann welche bekommen haben bei all der depressiven Traurigkeit, welche von den TV-Anstalten verbreitet wurde.
Ein halbwegs bekannter Mensch ist gestorben. Ich kannte ihn nicht, denn ich schaue wenig Fußball. Man konnte allerdings dein Eindruck gewinnen, der Papst wäre gestorben. Oder es herrscht im Spätherbst gerade ein kleines Sommerloch. Wenn man nichts zu berichten hat, muss man eben die eine Story bis zum Erbrechen auswalzen. Robert Enke ist und bleibt ein Mensch wie Du und ich. Nur ein sehr kleiner Personenkreis kannte ich persönlich. Alle anderen zig Millionen Bürger des Landes sind nur Zaungast eines Fußballstars, der wie manch anderer unter Depressionen litt und wie kaum ein anderer sich per Suizid das Leben nahm. Die Medien hingegen kreierten in den letzten Tagen einen seichten Brei aus Anteilnahme, Sensationslust und kollektiver Trauer.
Jener Verlag, der die intimsten Geheimnisse ausgraben konnte, hat die höchste Auflagenzahl erreicht. Jener Sender, der die größte Menschenansammlung in Fernsehen übertragen konnte, hat die größte Einschaltquote erzielt. Persönliche Interessen der Familie und der Verwandtschaft wurden hinten angestellt. Schließlich war Robert Enke ein Mann der gesellschaftlichen Mitte, von gesellschaftlichem Interesse und von finanziellen Bewegetgründen der Verlage und TV-Anstalten. Zeitweise war man regelrecht dazu gezwungen, sich mit Informationen zu versorgen, um im eigenen Bekanntenkreis nicht als querulanter Außenseiter abgestempelt zu werden. Und von einem Tag auf den anderen war das Thema Depressionen wieder in aller Munde. „Leidest Du auch (heimlich) an Depressionen?“ „Ja, wenn ich mir diesen medialen Zirkus hier anschaue schon.„